Borderline bei Männern

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Ist die Diagnostizierung bei Männern schwieriger, weil Männer seltener über ihren emotionalen Zustand reden?

Suzana: Es ist richtig, dass Männer seltener über ihren emotionalen Zustand reden. Das erschwert zwar den Einblick in sie, ist aber nicht alleine entscheidend dafür, dass Männer seltener diagnostiziert werden als Frauen. Der Grund dafür liegt in den Unterschieden zwischen Männern und Frauen, die ich im Folgenden erläutere:

Männer und Frauen mit Borderline-Persönlichkeit unterscheiden sich erheblich. In dem Zeitraum, in dem die Grundlagen für die Borderline-Persönlichkeitsstörung geschaffen werden, spielt das Geschlecht nur eine unwesentliche Rolle, da es sich um die frühe Kindheit handelt. Trotzdem werden die gleichen Mechanismen im späteren Entwicklungsverlauf zu unterschiedlichem Erleben und Verhalten führen.

Ich gehe davon aus, dass sie sich schon in ihrem emotionalen Erleben unterscheiden. Männer und Frauen werden die gleiche Situation tendenziell sehr unterschiedlich erleben. Sie erleben die Dinge völlig unterschiedlich, obwohl sich die Mechanismen ähneln, die ihnen geholfen haben, im frühen Alter mit negativen Erfahrungen wie Gewalt, Missbrauch etc. umzugehen.

Zudem unterscheiden sie sich darin, wie sie mit ihren Emotionen umgehen. Das nach außen sichtbare Verhalten unterscheidet sich. Männer mit Borderline-Störung neigen eher zu Fremdaggressionen und dissozialem Verhalten als Frauen. Um innere Spannungen abzubauen, neigen Männer zu illegalem Drogen- oder Alkoholkonsum. Deshalb stehen die Suchtproblematik und ein dissoziales Verhalten im Vordergrund. Frauen richten ihre Aggressionen häufig gegen sich selbst.

Und zuletzt unterscheidet sich die Fremdwahrnehmung. Ein unbeteiligter Dritter wird Männern und Frauen bei gleichem Verhalten nicht unbedingt die gleichen Beweggründe und Emotionen unterstellen, sondern er wird – allein wegen des Geschlechts – das Verhalten unterschiedlich interpretieren.

Hierfür gibt es eine Ursache. Männer und Frauen werden immer noch unterschiedlich sozialisiert. Das ist gesellschaftliche Realität, auch wenn sich unsere Gesellschaft im Wandel befindet und die Grenzen langsam aufweichen. Dennoch sind immer noch Unterschiede vorhanden. Bei Jungen werden Eigenschaften wie Autonomie stärker gefördert, bei Mädchen Abhängigkeit.

Bei Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung werden wir zwar häufiger als bei anderen sehen, dass sie sich mehr denjenigen Menschen anpassen, die eine gesunde Entwicklung genossen haben und diese als Vorbilder imitieren, als sich an sozial vorgegebene Rollen anzupassen. Die Grenzen zwischen typisch männlichem und typisch weiblichem Verhalten verschwimmen hier mehr als im gesellschaftlichen Querschnitt. Trotzdem aber bleiben signifikante Unterschiede vorhanden.

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