Die Polyvagal Theorie


Die Polyvagal Theorie von Stephen Porges (Prof. f. Psychiatrie, Neurobiologie/-physiologie, Trauma-Stress-Forschung) gehört zu den wichtigsten Modellen zum Verständnis unseres Nervensystems und der Traumatherapie auf der Basis von 50 Jahren umfassender Forschung.

Die Polyvagal Theorie liefert schlüssige Erklärungen dafür, warum manche Menschen zu heftigen affektiven Zuständen und aggressivem sozialem Verhalten neigen, obwohl auf den ersten Blick kein Auslöser ersichtlich ist. Vor allem aber gibt sie Therapeuten wichtige Hinweise für die Ansatzpunkte einer effektiven Therapie.

Dabei spielt das Autonome Nervensystem (ANS) eine wesentliche Rolle.

Das Autonome Nervensystem funktioniert ganz anders, als wir es bis heute in allen Anatomiebüchern lesen können. Das ist die bahnbrechende Erkenntnis, die der amerikanische Wissenschaftler Stephen Porges in die Welt gesetzt hat.

Die Polyvagal-Theorie ermöglicht es Forschern und Therapeuten, auf biologischen Gegebenheiten basierende Verhaltensweisen zu analysieren. Sie vermittelt ihnen neue Erkenntnisse darüber, wie Interventionen Menschen mit sozialen, verhaltensbedingten und psychiatrischen Störungen helfen können.

"Die Polyvagal Theorie ermöglichte mir, die Bedeutung des physiologischen Zustandes als vermittelnder Variabler zu erklären, die das Verhalten und unsere Fähigkeit, mit anderen Menschen zu interagieren, beeinflusst. Sie half mir auch zu verstehen, wie Gefahr und Bedrohung den physiologischen Zustand eines Menschen so verändern können, dass er Defensivverhalten unterstützt. Außerdem – und das ist vielleicht sogar noch wichtiger – erklärt die Polyvagal Theorie, inwiefern Sicherheit nicht beinhaltet, dass Gefahr völlig ausgeschaltet wird und dass das Gefühl der Sicherheit von bestimmten Signalen aus der Umgebung und von unseren Beziehungen abhängt, die Defensivschaltkreise  aktiv hemmen und Gesundheit sowie Gefühle der Liebe und Vertrauens fördern." (Porges 1998)

 

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Drei Organisationsprinzipien bilden das Zentrum der Polyvagal Theorie:

HIERARCHIE: Das ANS reagiert auf Empfindungen im Körper und Signale aus der Umgebung und nutzt dabei drei Reaktionspfade. Diese werden in einer bestimmten Reihenfolge aktiviert und reagieren auf Herausforderungen vorhersehbar. Die drei Pfade (und ihre Reaktionsmuster) sind – in der Reihenfolge ihrer Entwicklung, vom ältesten bis zum neusten – der dorsale Vagus (der eine Immobilisierung einleitet), das Sympathische Nervensystem (SNS – das mobilisierend wirkt) und der ventrale Vagus (der soziale Aktivitäten fördert und verbindend wirkt).

NEUROZEPTION: Diesen Begriff prägte Dr. Porges für die Reaktionen des ANS auf Signale für Sicherheit, Gefahr und Lebensgefahr, die aus dem Körper und aus der Umgebung stammen und durch unsere Kontakte zu anderen Menschen hervorgerufen werden. Anders als bei der Perzeption (Wahrnehmung) handelt es sich bei der Neurozeption um ein „Erkennen ohne Gewahrsein“ (Porges 2011), ein subkortikales Erleben, das tief unterhalb des bewussten Denkens stattfindet.

CO-REGULATION: Die Polyvagal Theorie versteht Co-Regulation als einen biologischen Imperativ: als ein Bedürfnis, das zwingend erfüllt werden muss, um das Leben zu erhalten. Aufgrund der reziproken Regulation unserer autonomen Zustände fühlen wir uns sicher genung, um uns auf Verbundenheit einzulassen und vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen.

Quelle: Deb Dana „Die Polyvagal Theorie in der Therapie“



Das autonome Nervensystem

Das ANS besteht aus zwei Hauptzweigen, dem sympathischen und dem parasympathischen Zweig und es reagiert auf Signale und Empfindungen auf drei Arten, die jeweils charakteristische Rektionsmuster nutzen. In jedem dieser drei Fälle reagieren wir im "Dienste des Überlebens".

Der sympathische Zweig, der im mittleren Teil des Rückenmarks lokalisiert ist, bereitet sich darauf vor zu handeln. Er reagiert auf Gefahrensignale und initiiert die Ausschüttung von Adrenalin, wodurch Energie für die Kampf-oder-Flucht-Reaktion mobilisiert wird (Fight / Flight).

Im parasympathischen Zweig des ANS sind im Vagus Nerv die beiden anderen Reaktionsweisen lokalisiert. Vagus bedeutet umherschweifend, eine sehr passende Bezeichnung, weil der Vagus, der zehnte Hirn Nerv, vom Hirnstamm an der Schädelbasis in zwei Richtungen verläuft : abwärts zur Lunge, zum Herzen, zum Zwerchfell und zum Magen und aufwärts zum Hals, zur Kehle, zu den Augen und zu den Ohren, mit deren Nerven er verbunden ist.

Der Vagus ist in zwei Teile, den ventralen (vorderen) und den dorsalen (hinteren) Vaguspfad, gegliedert. Der ventrale Vaguspfad reagiert auf Signale für Sicherheit und unterstützt Gefühle, die mit auf Sicherheit basierender Aktivität und sozialer Verbundenheit assoziiert sind - Sicherheit / Social Engagement System.
Der dorsale Vaguspfad hingegen reagiert auf Signale die extreme Gefahr ankündigen. Er unterbricht jedes Gefühl der Verbundenheit und jedes Gewahrsein und versetzt uns in einen kollabierten Zustand (Freeze) – einen Zustand der Empfindungslosigkeit, der uns schützen soll. Wenn wir das Gefühl haben, erstarrt, wie betäubt oder „abwesend“ zu sein, dominiert der dorsale Vagus die Situation.

Wenn wir tief in ventralen Vaguspfad verwurzelt sind, fühlen wir uns sicher, ruhig und in soziale Bezüge eingebunden (Sicherheit / Social Engagement System) . Ein Empfinden (Neurozeption) von Gefahr kann uns aus diesem Zustand herausreißen und uns in einen entwicklungsgeschichtlich älteren Zustand, den für den sympathischen Zweig des ANS charakteristischen zu versetzen. Wir sind dann mobilisiert und können reagieren und handeln (Fight/Flight), was uns helfen kann, in einen sicheren Zustand sozialer Verbundenheit zurückzukehren. Wenn wir das Gefühl haben, in einer Falle zu sitzen, und einer Gefahr nicht entrinnen zu können, zieht uns der dorsale Vaguspfad zurück in das erste Stadium unseres Entwicklungswegs, einen Zusatnd der Immobilität. Wir verschließen uns dann völlig, um zu überleben (Freeze).
Von diesem Zustand aus ist der Weg zu einem Gefühl der Sicherheit lang und schmerzhaft.
 


„Immobilität und Übererregtheit sind Antworten des Organismus auf Bedrohungen und anhaltenden Stress. Sie werden aktiviert, wenn ein Individuum eine Gefahr (bei Angriff oder Flucht) oder ein drohendes Verhängnis (verbunden mit Immobilität) wahrnimmt–ganz gleich, wie die äußere Situation tatsächlich aussieht. Das menschliche Nervensystem unterscheidet nicht ohne Weiteres zwischen einer potenziellen äußeren Gefahrenquelle wie einem plötzlich auftauchenden Schatten und dem inneren Schmerz über eine Situation, die längst Vergangenheit ist. Wird der Schmerz innerlich ausgelöst (durch Muskeln und innere Organe), empfindet das betroffene Individuum den zwanghaften Drang, die Quelle der Bedrohung zu lokalisieren oder (sollte das nicht möglich sein) eine solche zu konstruieren, um sich selbst klarzumachen, dass eine erkennbare Gefahrenquelle existiert.“
Dr. Peter Levine


"Statt und an den Kategorien des DSM-IV oder DSM-V (ICD 10/11) zu orientieren, sollten wir uns fragen, welche Gemeinsamkeiten zwischen den unterschiedlichsten klinischen Störungen bestehen. Offenbar ist in viele Fällen die Zustandsregulation ein ziemliches Problem – die Fähigkeit, den eigenen behavioralen Zustand zu regulieren.

Wenn wir unseren physiologischen Zustand nicht regulieren können – was eine der Aufgaben des Hirnstamms ist -, können wir einige höhere kognitive Funktionen nicht erreichen, und diesen ist es nicht möglich, Informationen zu verarbeiten.

Zu den wichtigsten Aufgaben eines Therapeuten zählt die Beeinflussung physiologischer und behaviorale Zustände. Ganz gleich, ob es um eine Borderline-Störung, um Autismus oder um ein anderes Problem geht, zu den wichtigsten Fragen zählt stets, ob der betreffende Mensch seinen Zustand selbst regulieren kann. Wie ergeht es dem Betreffenden in einem bestimmten Kontext, und weshalb ist es überhaupt erforderlich, etwas zu verändern?"

Stephen W. Porges "Die Polyvagal-Theorie und die Suche nach Sicherheit"